Paris

Was Filmanfänge angeht, ist American Beauty ganz weit vorne. Die Plastiktüte, die im Wind weht; etwas komplett Banales, einfangen durch eine schlechte Digitalkamera, irgendwie bewegend. Warum muss sie grade jetzt daran denken? Vielleicht waren es die blassrosa Blüten, die heute Morgen im Park durch den Wind trieben. Waren es Kirschblüten? Das Stahlgerippe des Eifelturms hatte sich von dem hellblauen Frühlingshimmel abgehoben, eine faszinierend präzise Zeichnung von Menschenhand auf der zarten Leinwand der Natur. Sie merkt, dass er mit ihr spricht, dass er schon eine Weile spricht, während sie ihn ansieht und nickt. Irgendetwas in seinem Blick sagt ihr, dass Zuhören (oder besser: die Imitation einer Zuhörenden) jetzt nicht mehr ausreicht. Er hat eine Frage gestellt oder etwas gesagt, auf das er eine Reaktion erwartet. Tut mir leid, sagt sie, ich war einen Moment abwesend. Was hast du gesagt? Seine Hand liegt auf ihrer, zwischen ihnen der Tisch mit der weißen Papierdecke, auf die der Kellner ihre Bestellung gekritzelt hat. Sie verschränkt ihre Finger in seinen und streicht mit dem Zeigefinger über seinen Handrücken. Wie gut sie seine Hände kennt. Sie kann die Augen schließen und seine Hände in allen Details vor sich sehen. Für einen Mann seiner Größe sind sie recht zart. Keine Pianistenhände, dafür sind seine Finger nicht lang genug, einfach schmale, zarte Hände, die eine unbestimmte Sanftheit ausdrücken; die einzige auf den ersten Blick an ihm sichtbare. Er wiederholt seine Frage. Sie antwortet, hebt dann mit ihrer freien Hand ihr Weinglas und lässt den Rotwein einen Moment lang gegen ihre geschlossenen Lippen fließen, bevor sie trinkt. Es ist später Mittag, sie sitzen in einer dieser klassischen Pariser Jahrhundertwende-Brasserien und beobachten, wie das Mittagsgeschäft langsam abebbt. Menschen in Anzügen, Touristen, Liebespaare, sie alle haben in dieser zeitlos schönen Art Deco-Kulisse gegessen, getrunken und gesprochen, und jetzt strömen sie wieder auf die Straßen der Stadt hinaus. Eigentlich ist es zu früh für Rotwein, sie trinkt selten vor dem Abend. Aber er passt so gut hier hin, passt zu dem Steak Frites, das sie bestellt hat, und zu ihrer Stimmung.

Sie essen und reden; wie Wellen bewegen sich Worte zwischen ihnen hin und her, mal leidenschaftlich anschwellend, mal abebbend ruhig und vertraut plätschernd. Wenn sie miteinander sprechen und sie ihn anschaut, verschwimmt der Raum um sie herum. Es ist verdammt nochmal wie im Film, denkt sie, und muss lachen. In seinen Augen kann sie versinken, das war schon immer so. So dunkel. Wie ein schwarzer Korridor, wie ein See bei Nacht. Wenn sie ihren Blick in seinen taucht, dann existieren nur sie beide, wie bei einer Kamera, die ein bestimmtes Detail fokussiert und den umliegenden Hintergrund verschwimmen lässt. Sie waren am Morgen an der Seine entlangspaziert, hatten sich unter dem Eifelturm geküsst, er hatte sie lachend durch den Park gewirbelt in ihrem neuen Trenchcoat. Très parisienne, sie hatte ihn erst am Abend zuvor gekauft. Sie hatten sich umarmt und in der Märzsonne festgehalten, ich liebe dich, ich liebe dich auch. Menschen sehen sie, ein glückliches Paar, so hübsch zusammen. Doch sie sieht sie mehr, sieht die kleinen Zeichen, die ihn verraten. Wie seine Hände leicht zittern, wenn er sich die mittlerweile zehnte Zigarette des Tages anzündet. Wie seine Stimme etwas zu laut und aufgedreht ist, wenn er etwas erzählt, sein Lachen zu hart und gepresst. Wie sein Blick, wenn er sich unbeobachtet glaubt, in die Ferne schweift und schwer wird. Sie spürt seinen Schmerz in all diesen kleinen Gesten. Sie kennt ihn so gut.

Wein, mehr Wein. Sie bestellen noch ein Dessert, obwohl sie eigentlich längst satt sind, doch sie wollen nicht aufhören, nicht mit dem Essen, nicht mit dem Trinken, nicht mit diesem Moment. Paris, so ein Klischee. Sie haben immer davon gesprochen und jetzt, endlich, sind sie da. Und nun will sie fort. Sie will rennen, rennen bis sie nicht mehr kann, rennen bis sie ganz weit weg ist. Überall, nur nicht mehr hier sein, nicht mehr hier mit ihm, nicht mehr in diesem Traum, der viel zu schön und viel zu fragil ist. Sie schaut ihn an und alles in ihr will schreien, die verdammte Papierdecke auf dem Tisch in Fetzen reißen, ihre Nägel in blutigen Striemen über seine Haut ziehen, ihm wehtun und sich selbst auch. Wie kannst du nur, denkt sie. Wie kannst du mir vorwerfen, dass ich fortgehen werde, wenn du selbst doch schon längst beschlossen hast, dass du nicht bleiben wirst? Wieso bin ich auf einmal diejenige, die alles kaputtmacht? Wie kannst du mich dafür hassen und wie schaffst du es, dass ich mich selbst dafür hasse? Stattdessen beugt sie sich über den Tisch und küsst ihn, schmeckt einen Hauch Vanillecreme auf seinen Lippen.

Zurück im Hotelzimmer, er hat zu viel getrunken und lässt sich schwer aufs Bett fallen. Komm, sagt sie, lass Zähne putzen, und ist von sich selbst genervt, wie vernünftig und mütterlich sie klingt. Den Nachmittag haben sie verbummelt, den Abend in verschiedenen Bars verbracht und erst Pastis und dann noch mehr Rotwein getrunken. Irgendwann hat ihre Unterhaltung ihre Leichtigkeit verloren. Sie hat es gespürt, eine zunächst kaum merkliche Veränderung der Atmosphäre zwischen ihnen. Sie versucht einfach weiter zu reden, in der Hoffnung, dass sie das Unausweichliche abwenden kann, doch er hat längst begonnen, alles, was sie sagt, in kleine Pfeilspitzen zu verwandeln. Wie Lanzen, mit denen ein Torrero einen Stier verletzt, bohren sich ihre Sätze unter seine Haut. Nicht lange und er ist blutüberströmt und gereizt und sie weiß, dass er jeden Moment zum Angriff ausholen wird. Er wird seine Hörner nach ihr stoßen, wird versuchen, sie aufzuspießen und sich dann kalt schnaubend umdrehen. Sie kennt das Spiel und weiß, dass sie es nur verlieren kann. Bei ihnen gibt es keine Gewinner und wird es nie welche geben, das war von Anfang an klar.

Nun liegt er auf dem Bett, seine harte Maske ist von ihm abgeglitten und er sieht auf einmal unglaublich hilflos aus. Hilflos und müde, so müde als könnten Jahrhunderte des Schlafes ihn nicht wiederbeleben. Irgendwie schafft sie es, ihn zu überreden, dass er Kleidung und Schuhe ab und eine Decke über sich legt. Sie legt sich neben ihn und zieht ihn in ihren Arm, will ihn festhalten und beschützen. Wie eine Löwin würde sie diesen Mann, der so viel größer und stärker ist als sie, gegen alles und jeden verteidigen. Doch gegen die Dämonen, die grade in seinem Inneren toben, kann sie nicht viel ausrichten. Also hält sie ihn einfach fest und versucht, mit ihrem Herzschlag den seinigen zu verlangsamen. Sie weiß, dass er unruhig schlafen wird, sich hin und her wälzen und um sich schlagen wird, sich aufrichten und im Schlaf wirre Dinge sprechen wird. Dass sie ihm nicht helfen kann, bricht ihr das Herz.

Noch lange, nachdem er eingeschlafen ist, liegt sie wach, ihre Arme und Beine an seinen. Sie müssen immer mit einem Teil ihrer Körper Kontakt zueinander haben, und seien es nur ihre Fingerspitzen, die sich über einen Tisch hinweg berühren. Es ist, als müssten sie sich ständig versichern, dass der andere noch da ist. Zu viel Unsicherheit, die nur durch ein Maximum an körperlicher Nähe ausgeglichen werden kann. Sie dreht sich auf die Seite und drückt ihre Nase leicht an seine Haut. Kann sie seinen Geruch über diesen Moment hinaus bewahren? Sind die Geruchsmoleküle, die von ihm ausgehen, ein Teil seines Körpers, vielleicht sogar seines Seins? Atmet sie grade diesen Menschen, den sie so sehr liebt, in winzigen Teilchen ein und nimmt ihn so für immer in sich auf? Sie schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, ist es Morgen, sie kann die Sonne hinter den Gardinen vor den hohen Pariser Fenstern sehen. Sie dreht den Kopf zu ihm, er ist schon wach. Seine Augen blicken in die Ferne, dann sieht er sie an und lächelt, aber sein Blick ist leer. Das war’s dann also, denkt sie. Sie wird gehen und er wird sie nicht aufhalten. Rien ne va plus. Plötzlich wird ihr klar, dass sie diese Stadt hasst, dass sie sie im Grunde nie besonders gemocht hat. Sie wird nicht mehr herkommen, jetzt erst recht nicht mehr. Verzweifelt streicht sie eine Haarsträhne aus seiner Stirn. Was soll sie ihm sagen? Komm, lass uns frühstücken gehen. Es ist das einzige, was ihr einfällt.

Durch die offenen Fenster brandet der Lärm der Straßen herein. Paris. Welch Ironie, denkt sie, dass es hier enden muss.

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