Stay Wild, Child

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Die Sonne brennt kleine Löcher auf meine Arme. Auf meinem Rücken hat sich ein feines Tropfennetz aus Schweiß gebildet. Nicht mehr lange, und es werden sich genug kleine Tropfen zusammengefunden haben, um einen großen, schweren Tropfen zu bilden, der genüsslich meine Wirbelsäule herunterlaufen wird. Als Kinder haben wir auf regnerischen Autofahrten oft „Tropfenwettrennen“ gespielt. Das Spiel war so einfach wie endlos: Jeder suchte sich einen Tropfen am oberen Rand eines Autofensters aus und wessen Tropfen als erster am unteren Fensterrand angekommen war, der hatte gewonnen. Nächster Tropfen, nächster Kilometer. So kamen wir gut unterhalten von A nach B.

Prüfender Blick in den Himmel: Nach Regen sieht es gerade nicht aus. Sommer seit ein paar Wochen, endlich! Ich liebe nichts mehr als blondes Gras auf den Feldern, blauen Himmel schon beim Aufwachen und Abende, an denen man bis spät keine Jacke braucht. Ein Freund sagte neulich, es wäre dieses Jahr ein wilder Sommer. Er meinte das beruflich. So viel zu tun, so viele Aufträge, so viele Überstunden. Ich überschlug kurz meine persönliche Historie von „wilden Sommern“. Mit 10 Jahren hieß ein wilder Sommer, dass ich so viel Eis essen durfte, wie ich konnte, und so lange aufbleiben durfte, wie ich wollte. Mit 20 war ein wilder Sommer, bis ins Blau des Morgens hinein auf Uniparties für sehr wenig Geld sehr viel zu trinken. Und mit 30 bedeutete ein wilder Sommer, um die Welt zu reisen und mit Menschen, die ich gerade erst kennengelernt hatte, die Küsten von Bali oder Ibiza entlang zu cruisen.

Die amerikanische Bestseller-Autorin Glennon Doyle beschreibt in ihrem Buch „Untamed“, dass jede und jeder von uns eine innere Wildheit in sich trägt, einen individuellen Fingerabdruck unseres ursprünglichen, ungezähmten Selbst. Wild sind wir, wenn wir „wir“ sind. Doch während wir aufwachsen und erwachsenwerden, wird unser wildes Ich automatisch domestiziert. Durch Familie, Schule, Gesellschaft und Arbeit gehen wir durch einen Prozess des Abschleifens, Angleichens und Anpassens und lernen, uns so zu verhalten, wie es von uns erwartet wird. Unbewusst richten wir unser Leben an den Schönheitsidealen der Medien, den Vorstellungen unserer Eltern, allgemein propagierten Rollenbildern oder gesellschaftlichen Erfolgsidealen aus. Wir übernehmen all diese Dinge so selbstverständlich für uns, dass wir oftmals gar nicht merken, dass wir statt unserer eigenen Träume die Träume anderer Menschen leben. Nur manchmal ist da dieses leichte Unwohlsein in uns, ein verspannter Nacken, ein Zucken im Augenlid, ein Grummeln im Magen. Eine leise Stimme, die ungehörige Dinge flüstert und Fragen stellt, die wir nicht hören wollen. Wolltest du wirklich das Haus in der Vorstadt? Wieso liegt dir so viel daran, dünn zu sein? Heißt Erfolg, 60 Stunden die Woche zu arbeiten? Du gibst gerade klein bei, weil du Angst vor einem Konflikt hast. Wer sagt eigentlich, dass du nicht kreativ bist? Eigentlich wolltest du doch Meeresbiologe studieren und nicht BWL wie dein Vater …

Es gibt Dinge und Überzeugungen in unserem Leben, die, wenn wir sie genauer betrachten, nicht die unseren sind. Und genau das ist ein Problem. Denn wenn wir vergessen was zu uns gehört und was zu anderen, dann, sagt Doyle, leben wir wie ein Gepard in Gefangenschaft. Wir haben uns den Bedingungen um uns herum soweit angepasst, dass wir den Tag ganz okay rumbringen. Aber wir leben nicht, wie es unserer eigentlichen Natur entspricht. Wir sprinten nicht, wir jagen nicht. Das, was uns im Kern ausmacht, bekommt keinen Raum sich zu entfalten. Vielleicht sagen wir uns, dass wir die Wildnis nicht vermissen und dass wir es doch gut haben, da wo wir sind. Wir haben uns eingerichtet in unserem Alltag, doch irgendetwas fehlt. Wir funktionieren im System, doch wir sind nicht glücklich. Wir sind gezähmt.

Ich muss kurz an den Panther von Rilke denken, der vom Betrachten seiner Käfigstäbe so müde geworden ist, dass ihm alles egal ist. „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt“. Nur ganz selten noch bewegt ihn etwas, schafft es ein Eindruck, die Monotonie seines Alltags zu durchbrechen. Dann „schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf – dann geht ein Bild hinein. Geht durch der Glieder angespannte Stille, und hört im Herzen auf zu sein.“ Gänsehaut, jedes Mal aufs Neue, wenn ich das Gedicht lese.

Immer, wenn ich an Rilke denke, denke ich auch an meinen Opa. Opa mochte Rilke und hatte ein Gedicht von ihm an der Wand in der Küche hängen. Manchmal hat er auch selbst kleine Gedichte geschrieben, die er uns vorgelesen oder mit Briefen geschickt hat. Ich glaube, wenn er es sich hätte aussuchen können, dann hätte er nicht sein ganzes Leben lang bei der Landesbank gearbeitet. Konnte er aber nicht. Andere Zeiten, andere Verpflichtungen, andere Rollenbilder. Ein Käfig gleichermaßen im Außen wie im Kopf.

“Tell me, what is it you plan to do with your one wild and precious life?”
~ Mary Oliver

Irgendwie ist es lustig, dass wir manchmal sagen „in einem anderen Leben“, wenn wir über Dinge sprechen, die wir gerne tun würden. So, als hätten wir mehrere Leben. Ich will jetzt erstmal Brombeeren pflücken gehen. Ein paar hundert Meter die Straße runter ist ein kleiner Park, der von wuchernden Brombeerhecken durchzogen ist. Ich werde mit meiner Tupperschüssel hingehen und sie füllen und dann werde ich mich auf die Wiese legen und alle Beeren auf einmal aufessen. Das ist meine Idee von einem wilden Sommer. Zumindest jetzt gerade.

Hab ich sie wirklich alle aufgegessen? Who knows.

Manchmal gibt es nichts Befriedigenderes, als etwas geschafft zu haben

Das Wildeste, was ich diesen Sommer bislang gemacht hab, war in Portugal in den eiskalten Atlantik zu springen. Und meinen Job zu kündigen.

Feige-Pistazie … wenn Kindheits-Eisträume erwachsen werden

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