Bicicletta

Fort Cochin

Der Bicicletta ist ein italienischer Aperitif mit Campari oder Aperol (der übrigens in einer meiner Lieblings-Bistrobars in Düsseldorf unter dem Namen „Bicicletta Spritz“ ganz hervorragend schmeckt!). Um Alkohol, Bitteres oder Bars soll es aber hier grad gar nicht gehen, sondern um Fahrräder. Ich hätte als Titel für diesen Post auch das englische „Bicyle“ oder französische „Bicyclette“ wählen können. Die romanisch abstammenden Wörter klingen allesamt so viel eleganter als unser deutsch-funktionales „Fahrrad“, das die Sache im Grunde ja noch nicht mal korrekt bezeichnet, denn man fährt ja auf zwei Rädern, nicht auf einem. Warum also das eigentlich treffendere „Zweirad“ aus der Mode gekommen ist soll mir mal jemand erklären. Fakt ist aber: Das Fahrrad ist seit Jahr und Tag mein Fortbewegungsmittel der Wahl. Was hauptsächlich daran liegt, dass ich es hasse zu warten. Auf die Bahn, im stockenden Stadtverkehr am Morgen und Abend, darauf, dass ein Motor anspringt oder der ADAC mich abschleppt. Mit dem Rad warte ich im Zweifel nicht einmal an einer roten Ampel (wenn ich mich mal wieder semi-legal über irgendwelche Schleich- und Gehwege schlängele); ich schließe es auf und fahre los. Mein Fahrrad ist mein Stück Freiheit und Unabhängigkeit von hier nach dort.

Obgleich ich Fahrrädern also durchaus emotional verbunden bin, war ich jahrelang blind für ihre Ästhetik. Erst vor drei Jahren während einer Reise durch Indien fiel sie mir das erste Mal mehr oder weniger zufällig ins Auge. Ich war mit zwei Freundinnen unterwegs und wir waren nach einer Zeit im Norden des Landes mittlerweile in Kerala angekommen. In der Mittagshitze liefen wir durch Fort Cochin, das einen seltsam morbiden Charme ausstrahlte mit seinen vernachlässigten Kolonialhäusern, an denen der Putz in Farben, die in ihrer Kraft an die Karibik erinnern, mit jedem Jahr mehr und mehr abblätterte. An einer schäbigen türkisfarben Wand eines unfassbar heruntergekommenen (aber immer noch bewohnten) Hauses lehnte ein Fahrrad, das um Längen zu teuer und modern schien, um hier hin zu passen. Fasziniert von dem Kontrast machte ich einen schnellen Schnappschuss. Ich hatte auf dieser Reise schon so viele kleine Kuriositäten auf den Chip meiner Kamera gebannt, dass ich das Bild im ersten Moment nur für eine weitere Ergänzung dieser Sammlung hielt.

Wieder zu Hause bemerkte ich aber erst die nachhaltige Anziehungskraft dieses eher zufällig entstandenen Bildes. Das Türkis der Wand erscheint fast unnatürlich und wie nachberarbeitet, während das daranlehnende Rad seltsam aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Ich liebe dieses Bild, denn es verkörpert für mich genau die Kontraste, die ich in Indien wahrgenommen habe.

Seit diesem Initialfoto sind mir auf einmal überall und an den verschiedensten Orten angelehnte Fahrräder aufgefallen, die mich immer magisch anziehen. Mag sein, dass es der Kontrast zwischen Fahren und Innehalten, zwischen Bewegung und Ruhe, zwischen Freiheit und Ankommen ist, der für mich die Fasziniation dieser Szenen ausmacht. Irgendwie haben Fahrräder etwas Universelles, überall auf der Welt sind sie gleich. Wenn auch ihre Bezeichnung in einigen Sprachen schöner klingt als in anderen.

Berlin
Berlin Mitte
Marrakech
Marrakech Medina
London
London, East End
Essaouira
Essaouira, Marokko

…to be continued…

PS: Wer an der ganzen Text-Bildzusammenstellung jetzt letztlich doch nur den Getränkeaspekt interessant fand, für den gibt’s hier noch ein Rezept für den Biciletta Spritz. Essentiell ist dabei die Qualität der Zutaten, also Markenspirituosen und ein wirklich guter Weißwein. Beim Wasser tut’s zur Not auch was vom Discounter, Soda ist aber natürlich die beste Wahl. Alle Getränke sollten eisgekühlt sein.

Bicicletta Spritz
3 cl Campari
125 ml Weißwein (leicht und fruchtig, z.B. Pinot Grigio oder Sauvignon)
1 Schuss Sodawasser
1/2 Orangenscheibe

Glas zu einem Viertel mit Eiswürfeln füllen, Campari einfüllen und mit Weißwein aufgießen. 1 Spritzer Orangenschale (dafür ein Stück unbehandelte Orangenschale über der Glas „ausdrücken“) hinzufügen und einem Schuss Sodawasser hinzugeben. Mit der halben Orangenscheibe garnieren.

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