Der Zauber des Unausgesprochenen

Wahre Poeten können mit nur wenigen Sätzen ganze Welten entstehen lassen. Sie entwerfen komplette Geschichten, ohne sie detailliert erzählen zu müssen – mit einem einzigen Wort malen sie ein leuchtendes Bild auf der Leinwand unserer Vorstellungskraft und ein perfekter Halbsatz von ihnen enthält mehr Spanung und Sehnsucht als zehn Kapitel eines ganzen Buches.

Ein wunderbares Beispiel eines solchen Textes ist Leonhard Cohens Song „Famous Blue Raincoat“: Ein kurzer Brief, den der Verfasser mitten in einer Dezembernacht schreibt, wird zu einem Rückblick auf ein ganzes Leben. 31 Zeilen und 282 Wörter reichen aus, um eine tiefe Geschichte über Freundschaft, Verrat, Sehnsucht, Liebe, Schmerz und Vergeben zu erzählen, die einen nicht mehr loslässt. Dabei liegt die Magie des Textes vor allem zwischen den Zeilen, im Zauber des Unausgesprochenen, der in jedem Wort mitschwingt.

Irgendwann einmal gelingt mir auch ein solch perfekter Text. Ich werde ihn in einem blauen Regenmantel mit Blick auf eine nächtliche Stadt schreiben und dabei Songs von Cohen hören.

Sincerly

A

PS: Mit „Sternblauer Trenchcoat“ gibt es übrigens eine sehr gelungene deutsche Version des Songs von Reinhard Mey, die die Magie des Originals fast detailgetreu einfängt. Leider nirgendwo im Netz als Video oder Soundfile zu finden, deshalb füge ich untenstehend nur den Text ein. Aber um den geht es ja eigentlich auch.

Famous Blue Raincoat
It’s four in the morning, the end of December
I’m writing you now just to see if you’re better
New York is cold, but I like where I’m living
There’s music on Clinton Street all through the evening.

I hear that you’re building your little house deep in the desert
You’re living for nothing now, I hope you’re keeping some kind of record.

Yes, and Jane came by with a lock of your hair
She said that you gave it to her
That night that you planned to go clear
Did you ever go clear?

Ah, the last time we saw you you looked so much older
Your famous blue raincoat was torn at the shoulder
You’d been to the station to meet every train
And you came home without Lili Marlene

And you treated my woman to a flake of your life
And when she came back she was nobody’s wife.

Well I see you there with the rose in your teeth
One more thin gypsy thief
Well I see Jane’s awake
She sends her regards.

And what can I tell you my brother, my killer
What can I possibly say?
I guess that I miss you, I guess I forgive you
I’m glad you stood in my way.

If you ever come by here, for Jane or for me
Your enemy is sleeping, and his woman is free.

Yes, and thanks, for the trouble you took from her eyes
I thought it was there for good so I never tried.

And Jane came by with a lock of your hair
She said that you gave it to her
That night that you planned to go clear —

Sincerely, L. Cohen

 ———————————

Sternblauer Trenchcoat
Es ist vier Uhr am Morgen, schon Ende Dezember,
Ich sitz‘ hier und schreib‘dir und hoff‘, dir geht’s besser.
Der Regen fällt kalt, doch ich mag’s, wo ich lebe,
Denn hier klingt auch nachts noch Musik in den Straßen.

Ich hörte, du baust
Tief in der Wüste dein kleines Haus.
Du lebst nun für gar nichts mehr,
Ich hoffe, Du schreibst noch dein Buch.

Ja, und Jane hielt ‘ne Locke von Dir in der Hand.
Sie sagte, Du gabst sie als Pfand
In der Nacht, als du den Himmel klar sahst.
Sahst Du ihn wirklich je klar?

Dein bogartsches Lächeln, es wirkte längst kälter,
Dein sternblauer Trenchcoat war auch schon was älter.
Du warst auf dem Bahnhof, in fast jeder Stadt,
Doch Lili Marlene hast du immer verpasst.

Und für dich war die Liebe nur eine Blume in Blau,
In Rot kam sie heim und war Niemandes Frau.
Ja, und Du standst da, eine Rose im Mund und voll Duft,
Wie ein billiger Schuft.

Ah, nun ist Jane aufgewacht,
Sie hat an dich grad gedacht.

Und was bleibt zu sagen, mein Bruder, mein Mörder,
Hoffe, Du kannst endlich gut schlafen.
Ja doch, Du fehlst mir und ja, ich vergeb dir.
Ich bin froh, dass unsere Wege sich trafen.

Und kommst du je wieder her, sei’s für Jane oder mich,
Dein Feind schläft und seine Frau gehört doch nur sich.
Und Dank für ihr Lächeln, du gabst es zurück,
Um ihre Augen warn Schatten, ich hielt es für Glück.

Und Jane hält ‘ne Locke von Dir in der Hand.
Sie sagte, Du gabst sie als Pfand
In der Nacht, als du den Himmel klar sahst.
War er denn wirklich je klar?

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Genau dieser skizzenhafte Aspekt war es auch, der mir an deiner Kurzgeschichte gefallen hat. Ja, Cohen ist ein Kinschtler. Habe eben überlegen müssen, ob er noch lebt, weil seine Songs so zeitlos wirken, als wären sie schon immer dagewesen.

    1. Annie sagt:

      Danke, das ehrt mich sehr! Und das mit Cohen und noch leben ist witzig – ging mir letztens ebenso.

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