Die Rückkehr zur weißen Insel

Zugegeben: Bei der Überschrift für diesen Text habe ich mich großzügig in der Titel-Mottenkiste der Filmgeschichte bedient. Ein bisschen was aus der Star Wars-Reihe geklaut („Die Rückkehr der Jedi-Ritter“), den zweiten Teil der 90er-Jahre-Schnulze „Die Blaue Lagune“ zitiert und ein wenig zweitklassiken Thriller („Die Insel“) hinzugemischt – fertig ist die klangvolle Headline. Jetzt kommt aber direkt die Enttäuschung: Die nachfolgende Geschichte hat nichts mit inter-stellarer Weltrettung zu tun, noch kommt Brooke Shields drin vor. Nein, nur ich kehre zum ersten Mal seit zehn Jahren nach Ibiza zurück.

Diesmal bin ich mit einer guten Freundin hier, die ich eine Dekade zuvor noch nicht kannte, die heute aber einer meiner liebsten Menschen ist. Vor zehn Jahren war ich mit meinem damaligen Freund hier – ein Mensch, zu dem ich seinerzeit Liebster gesagt habe. Heute ist er in Hamburg und ich nicht. Manchmal schreiben wir uns noch, zum Geburtstag und zu Weihnachten; so ändern sich die Dinge. Nur Ibiza ist geblieben und wird weiterhin La Isla Blanca, die weiße Insel, genannt.

Noch am Flughafen hatte ich mich gefragt, wie es wohl sein würde, die Insel nach all den Jahren wiederzusehen. Bekanntlich malt die Zeit Erinnerungen ja gerne in besonders hübschen Pastellfarben aus, die dafür sorgen, dass das Bild im Kopf nur noch vage dem monochromen Original entspricht. Und mein Bild von Ibiza war über die Jahre mehr als großzügig mit dem weichen Pinsel der Nostalgie nachkoloriert worden…

Tom war zwölf Jahre älter als ich. Ich war Mitte zwanzig, hatte grade die Uni abgeschlossen, meinen ersten festen Job angefangen und war, was viele Dinge anging, ziemlich naiv. Altklug war ich zwar immer, aber das ist nicht das Gleiche wie lebenserfahren. Weiß man in dem Moment aber nicht, das merkt man erst (Jahre) später. Tom hatte schon wesentlich mehr erlebt und gesehen als ich und vor allem hatte er Ibiza öfter gesehen. Ich überlies mich also komplett seiner Führung und so sah ich die Insel eine Woche lang durch seine Augen. Und was für eine magische Welt ich da sah! Vielleicht lag es daran, wie verliebt ich in ihn war, vielleicht daran, dass das seit langem mein erster richtiger Sommerurlaub war, vielleicht daran, dass Ibiza und ihr spezielles hedonistisches Lebensgefühl mir völlig fremd waren. In jedem Fall hatte ich so etwas wie diese Insel noch nicht erlebt und war hin und weg! Jeder Strand, jede Bar, jede kurvige Autofahrt schien mir eine bunte, exotische, aufregende und wenn ich nicht aufpassen würde, zu Kopf steigende Offenbarung zu sein.

Seit meiner ersten Begegnung mit Ibiza bin ich viel gereist und habe viele Inseln und Strände gesehen, aber dieses einmalige Gefühl habe ich nie vergessen.

Wie es das Schicksal so wollte, war Tom nicht nur der Mann, der mir den Zauber der weißen Insel gezeigt hatte; er war auch mein erster ernsthafter und tiefschwarzer Liebeskummer. Fazit zehn Jahre weiser: So schlimm, wie beim ersten Mal, ist es nie wieder. Fazit aber auch: So neu und einmalig, wie beim ersten Mal, ist es auch nie wieder. Toms und meine Version der weißen Insel gibt es heute nicht mehr. Stattdessen entdecke ich ein neues Ibiza. Denn auch das weiß ich heute: Es gibt unzählige Möglichkeiten, Dinge zum ersten Mal zu erleben. Im Grunde muss man nur ein winziges Detail ändern und schon glänzt wieder alles so schön neu. Das kann eine andere Person sein, mit der man etwas Altes neu erlebt, oder man selbst, weil man den Dingen mit einer anderen Einstellung begegnet und sie so durch andere Augen sieht.

Was habe ich also bei meiner Rückkehr auf die weiße Insel vorgefunden? Ganz einfach: Ihre nach wie vor existierende, ganz spezielle Magie. Sie liegt im permanenten Zirpen der Grillen, das einen dichten und ständigen Geräuschteppich über die Insel webt, im Geruch der Pinien und Kiefern, die sich über schattige Wege krümmen, in diesem einzigartigen, strahlenden Weiß der Gebäude, eingerahmt von blassgrünen Sukkulenten und pinkem Oleander, in der entspannten und charmanten Art der Bewohner, im Licht, das nie grell, sondern immer wie durch einen Instagram-Filter sanft abgetönt ist, in der roten Erde der Felder und den bunt-fröhlichen Farben der allgegenwärtigen Hippiemode, in der faszinierenden Salzigkeit des Meerwassers und in dem Blick aus den ockerfarbenen Buchten hinaus auf die weißen Boote und den dunkelblauen Horizont.

Die Insel ist vielleicht anders als ich sie in Erinnerung hatte – aber ich bin es auch. Und das ist die beste Voraussetzung für den Beginn einer neuen Romanze. Es war eine gute Idee zurückzukommen. Irgendwie glaube ich, Ibiza sieht das genauso.

Für Ala – danke für einen großartigen Urlaub!


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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wunderbarer, traumhafter Beitrag! Hach was ich diese Insel liebe
    Ich freue mich auch auf deinen Besuch bei mir!
    xoxo & liebste Grüße 💙
    Sina von https://CasaSelvanegra.com

    1. Annie sagt:

      Danke, liebe Sina! Schaue sehr gerne mal vorbei – grade schon einen ersten Blick auf deine Seite geworfen, sieht super aus 😊 LG, Annie

      1. Danke für dein Lob 😘

  2. Sicher eine Reise wert 😉👍

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