Der Zauberberg in San Simeon

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Die Architektin Julia Morgan muss nicht schlecht gestaunt haben, als ihr ein Mann im Frühjahr 1919 seine Pläne für ein Anwesen hoch in den Bergen vor dem kleinen kalifornischen Küstenort San Simeon unterbreitete. Morgan war eine erfahrere Archtektin und hatte im Laufe ihrer äußerst erfolgreichen Karriere bestimmt schon einiges gesehen. Sie war es gewohnt, die Luftschlösser aus den Köpfen ihrer Klienten in reelle Holz- und Steinkonstruktionen zu übersetzen. Das, was sie diesmal zu hören bekam, muss jedoch selbst für sie gerade zu abenteuerlich und größenwahnsinnig geklungen haben: Ein privates Anwesen im Stile eines mediterranen Bergdorfs, das in sich die meisterlichsten Bauweisen der Antike und des alten Europa vereinen sollte, auf den Höhen einer bislang nicht erschlossenen Hügelformation hoch über dem Patifik. Kosten? Spielten keine Rolle.

Der Mann war William Randolph Hearst, Herrscher über ein gigantisches Medienimperium und einer der reichsten Männer seiner Zeit. Er und Julia Morgan waren langjährige Bekannte – vielleicht nahm sie das Projekt daher an, ohne allzu lange zu zögern. Vielleicht konnte sie auch einfach der einmaligen Chance, einen solch phantastisch anmutenden Plan in die Tat umzusetzen, dieser „one in a million opportunity“, nicht widerstehen.

Während die Welt sich also von den Schrecken des Ersten Weltkriegs erholte, begannen Morgan und Hearst mit dem Bau eines Anwesens, das so gigantisch war und durch Hearsts ständig neu hinzukommende Ideen permanent erweitert und umgestaltet wurde, dass es erst knapp 30 Jahre später fertig werden sollte.

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Fassungslos stehe ich nun mehr als 70 Jahre später auf der Terrasse des Hearst Castle und blicke auf den „Pool“ – das Wort trifft die gigantischen Ausmaße der von römischen Säulen und Tempelnachbildungen unrahmten Anlage nicht annährend – der hoch über der Küste thront. Das Haupthaus gleicht einer Kathedrale, jedes einzelne der drei Gästehäuser, die auf mehreren Ebenen darunter liegen, würde bereits jeden Besucher mit offenem Mund dastehen lassen. Alabasterweiße Statuen überall, grünlich schimmernde Bronze, im Sonnenlicht glänzendes Gold. In meinem Rücken die je nach Jahreszeit grünen oder golden verbrannten Berghänge, in der Ferne vor mir der rollende Pazifik, über mir der milchig blaue kalifornische Himmel. Und über all dem ist da ein Gefühl: eine Mischung aus Alles-ist-möglich und der langsamen Unendlichkeit eines Nachmittag in der flirrenden Sommerhitze. Wie muss es hier wohl gewesen sein, als Hearst Castle noch kein begehbares Museum war, sondern ein Ort, an dem sich Schauspieler, Künstler und alles was Rang, Geld und Namen hatte zu Hearsts legendären Landpartien und Dinnerparties trafen?

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Hearst nannte sein Anwesen selbst nie „Castle“. Er bezeichnete es als „The Ranch at San Simeon“ – ein fast ironisch anmutendes Unterstatement. Der offizielle Name seiner Realität gewordenen Phantasie war „La Cuesta Encantada“, der verzauberte Berg. Treffender kann man diesen Ort nicht beschreiben.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Also, das klingt nach „The Great Gatsby“ – irgendwo muss es eine Daisy geben… halt mal die Augen offen! Grüße von Kälbersegnung, Rancher C.

  2. norfolk 7982 sagt:

    Ein brillianter Beitrag mit schönen Fotos! Auch mir ging es vor reichlich 20 Jahren ähnlich, als ich Hearst Castle besichtigte.Der Überwältigung dieses Gigantismus kann sich wohl kaum ein Besucher entziehen, obwohl die ‚Ranch at St.Simeon‘ natürlich auch viel Größenwahn zeigt. Im Gegensatz zu Ludwig XiV. beim Bau des weltberühmten Schlosses von Versailles hat Hearst wenigstens sein eigenes Geld verpulvert. Letztlich war es für die Nachwelt im Ergebnis sogar lohnender, sich für so ein überspanntes Monnument ruinieren als für um Jahrzehnte Jahre jüngere Frauen. Aber auch Hearst war nach Jahrhehnte langem Bauen am ‚Schloß seiner Träume‘ pleite …

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