Kann man das schöne Leben einfordern?

am

Prora

Vor ein paar Jahren. Es war November, es regnete fast ununterbrochen und ich befand mich mal wieder in einer Hals-über-Kopf-Trennungsphase von meinem damaligen Freund. Das Hals-über-Kopf war seine Idee, nicht meine. Kurzum: Meine Stimmung lag tief unter Normal Null. Der beste Zeitpunkt, um daheim alles stehen und liegen zu lassen und ein paar Tage wegzufahren. Reisen öffnet ja bekanntlich den Geist und schenkt einem einen anderen Blick auf die Dinge – und letzteres brauchte ich grade ganz dringend.

Wohin also, wenn gerade nichts meht geht? In meinem Falle lautet die Antwort immer: Ans Meer. Andere entspannen in den Bergen, ich brauche Wasser, Wellen und endlose Horizonte, um meine Gefühle wieder einzunorden. Diesmal fiel die Wahl auf Rügen (warum weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr genau). Ich flog also bis Berlin und nahm von da aus den Zug, der je weiter wir uns von der Großstadt entfernten, immer leerer wurde. Gut so, war mir nur Recht, nach sozialen Kontakten war mir gerade sowieso nicht, ich wollte mich lieber alleine in meinem Elend suhlen. Manchmal braucht man das. Oder wie die pfiffige Anett Louisan so klug erkannt hat: „Geh mir weg mit deiner Lösung, sie wär‘ der Tod für mein Problem.“ Der aus diesem Grund von mir präferierte Zustand der menschlichen Isolation hielt glücklicherweise auch auf Rügen weiter an. November scheint dort kein beliebter Reisemonat zu sein, weshalb ich die nächsten Tage fast ungestört stundenlande Wald- und Strandspaziergänge unternehmen konnte.

Eine meiner Wanderungen führte mich an einem bizarr hässlichen, nicht enden wollenden Gebäudekomplex vorbei. Kilometer um Kilometer (4,5 um genau zu sein) erstreckten sich exakt gleich aussehende Bauten die Küstenlinie entlang. Ich war unwissentlich über den „Koloss von Prora“ gestolpert. Von diesem Bauwerk hatte ich irgendwann mal im Geschichtsunterricht gehört, mittlerweile war aber alles Wissen darüber in irgendwelchen hinteren Windungen meines Gehirns verschwunden. Umso lehrreicher und nachhaltig einprägsamer war der Besuch des Dokumentationszentrums. Ich verbrachte dort einen kompletten Vormittag in einem aufwühlenden Gefühlsspagat zwischen Faszination und Abscheu. Die Insel Rügen und das kleine Örtchen Prora verdanken das monumentale Bauprojekt den Nazis, die damit genormten Ferienspaß für das deutsche Volk schaffen wollten. Vor dem Hintergrund der „Kraft durch Freude“-Ideologie sollten hier 20.000 Menschen gleichzeitig Erholungsurlaub machen können. 20.000! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Alle Robinson Clubs weltweit zusammengerechnet haben derzeit „nur“ etwa 13.000 Betten! Was ein an Hybris grenzender Irrsinn auf dieser kleinen Ostseeinsel… Die Anlage war nach einem seltsam kommunistisch anmutenden Einheitsprinzip konzipiert. Bessere oder schlechtere Zimmer gab es nicht, alle waren exakt (!) gleich: 2,5 x 5 Meter, darin zwei Betten, ein Schrank, zwei Stühle, ein Tisch, ein Handwaschbecken. Alle Zimmer hatten Meerblick, die Flure wiederum lagen zur Landseite. Ein riesiger Aufmarschplatz, eine gigantische Ankunftshalle – alles perfekt darauf ausgerichtet, die Menschenmassen zu koordinieren und zu kontrollieren. Man kann nicht anders, man empfindet eine seltsame Faszination ob des schieren Ausmaßes dieses generalstabsmäßig geplanten Projektes und ob des unfassbaren Vorstellungsvermögens, das hinter dieser absurden Vision steht. Gleichzeitig kriecht in mir ein unglaubliches Gefühl der Beklemmung hoch während ich durch die Anlage streunere. Freiheit sieht definitiv anders aus.

Nur ein paar hundert Meter von dem seltsamen Koloss entfernt, hat ein Unbekannter auf eine Kaimauer die Worte „Her mit dem schönen Leben!“ gesprüht. Nirgendwo wirkt diese mit einem Ausrufezeichen bekräftigte Forderung so eindringlich wie hier. An einem Ort, der mich benommen und (wenn überhaupt möglich) noch deprimierter als vorher zurücklässt, hat jemand etwas so unfassbar Optimistisches hinterlassen. Und sofort stelle ich mir die Frage: Kann man das Schöne im Leben einfach einfordern? Ist es so simpel? Wenn ich das Wunderbare wirklich möchte, bekomme ich es dann auch?

Die meterhohen Lettern auf der Mauer am Meer offenbaren jedenfalls eine ganz besondere innere Einstellung. Wer sie geschrieben hat, ist nicht nur bereit, das Schöne im Leben überhaupt erst einmal zu sehen und es dann mit offenen Armen zu empfangen – er rennt vielmehr wild auf dieses schöne Leben los, um es stürmisch zu küssen. „Her mit dem schönen Leben!“ meint nicht etwa ein aufmüpfiges Zurücklehnen und die Erwartungshaltung, dass das Leben jetzt bitte mal seine besten Momente servieren soll, auf einem Silbertablett selbstverständlich, alles andere wäre nicht angemessen. Nein, es ist ganz im Gegenteil eine gewisse ungeduldige Maßlosigkeit, die hier durchklingt. Das Leben ist ein überbordendes Buffet und auch wenn man weiß, dass man niemals das ganze Angebot probieren können wird, so ruft man doch beherzt: Her damit! Füllt das halbvolle Glas immer wieder auf, ich trinke es aus!

Wo wir grade beim Gläserfüllen sind: Eine ehemalige Kollegin von mir hat einen ganz tollen Trinkspruch. Immer wenn sie mit guten Freunden die Gläser hebt, sagt sie feierlich und voller Inbrunst: „Auf das Schöne im Leben – auf uns!“ Offensichtlich kann man ein schönes Leben nicht nur einfordern – man kann, darf und muss es auch zelebrieren. In diesem Sinne: Her damit! Es ist höchste Zeit, mal wieder anzustoßen!

Anstoßen
Ein Schnappschuss aus dem schönen Leben: Mit meinem liebsten Düsseldorfer Mädchen gibt es immer einen Grund zum Anstoßen. Und sei es nur auf eine mittlerweile schon mehr als ein Jahrzehnt dauernde Freundschaft.

 

PS: Ob ich nach den paar Tage Rügen wieder bessere Laune hatte? Und ob! Reisen kann sowas irgendwie ;-)

 

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  1. In Teilen des Gebäude komplexes wurden neuerdings Eigentumswohnungen eingebaut. Krass, oder. Wusste nicht, dass der Denkmalschutz das zulässt.

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