Mein neustes Spielzeug, oder: Der Tod des Großen Gatsy aus der Sicht seiner Haushälterin

712 More things to write about

Als ich an einem nieseligen Montagvormittag durch die Waterstone’s Filiale um die Ecke meines temporären Londoner Zuhauses stöbere, fällt mir ein Buch ins Auge: Aufgemacht wie ein liniertes Notizbuch im übergroßen A5-Format, etwa 1,5 cm dick. „712 More Things To Write About“ steht auf dem Cover. Ich blättere darin und bin sofort gefangen. Auf jeder Seite stehen eine oder mehrere Schreibaufgaben – witzige, originelle, nachdenklich machende Denkanstöße, darunter die leere Buchseite, bereit, von mir gefüllt zu werden. Ich lese die kleinen Sätze, die mich auffordernd anstarren. „Na, was wirst du mit uns machen?“ scheinen sie zu sagen. Meine Phantasie kommt ins Rollen, meine Nervenenden fangen an zu vibrieren. Manche Sätze sind herrlich absurd („Why is your 11 year old son obsessed with lemurs?“), andere provozierend („If you were a fascist dicatator, you’d begin your reign by…“) wiederum andere lassen mich sofort in einen ernsten Selbsterkundungsmodus verfallen („The first time you deceived someone“). Wenn jemand sagt, er wisse nicht, worüber er schreiben solle – hier ist der Beweis, dass es unendlich viele Möglichekeiten gibt. Alles, was man braucht, ist ein Ausgangspunkt, von dem aus die Phantasie ihre Reise antreten kann, einen Satz, der zum Auslöser für eine Serie von Bildern im Kopf wird, ein Wort, das wie ein umfallender Dominostein eine Serie weiterer Wörter anstößt.

Gekauft! Ich verlasse mit meinem neuen Spielzeug das Geschäft. Mit einer Tasse Kaffee widme ich mich zu Hause meiner ersten Aufgabe:

„Du schaust aus dem Fenster und entdeckst einen Körper, der mit dem Gesicht nach unten im Pool treibt.“

„Das Geräusch klang weit entfernt, irgendwie gedämpft. Ein scharfer, kurzer Knall? Violetta war sich nicht sicher. Sie war gerade dabei  gewesen, in Mr. Gatsbys Esszimmer abzustauben. Vorsichtig hatte sie eine Kristallvase vom Kaminsims gehoben, wobei sie eine Spur von blass-pinken Blütenblättern hinterlassen hatte. Die Rosen standen bereits zu lange im Wasser, sie würde frische Blumen organisieren müssen. Zuerst hatte sie dem Geräusch keine weitere Beachtung geschenkt. Aber die Stille, die folgte, war so intensiv, so seltsam bedrohlich, dass sie ihr Staubtuch niederlegte und für einen Moment bewegungslos darstand. Es war ein brütender Sommertag und die Welt draußen schien unter der drückenden Hitze aufgehört haben zu atmen. Drinnen im Haus war es kühl und dunkel, die Vorhänge waren vor fast allen Fenstern zugezogen. Von wo genau kam das Geräusch? Violetta fröstelte und wusste, dass sie nicht weiterarbeiten können würde, wenn sie ihm nicht auf den Grund ging. Es schien aus dem hinteren Teil des Hauses zu kommen oder von der Veranda. Mit verhaltenen Schritten ging sie langsam und zögerlich durch die Zimmer zum anderen Ende der Villa, bis sie schließlich den großen Raum betrat, der durch seine deckenhohen Fenster direkt auf den gigantischen Außenpool blickte. Aus unerfindlichen Gründen waren die Vorhänge in diesem Zimmer nicht zugezogen und das grelle Sonnenlicht durchdrang die Scheiben mit erbarmungsloser Kraft. Zunächst sah Violetta nichts, als sie nach draußen blickte. Das gleißende Licht hatte sie für ein paar Sekunden blind gemacht. Doch als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, wurde die Welt vor den Fenstern langsam schärfer und deutlicher. Das lange Rechteck des Pools, das klare Blau des Wassers, unterbrochen von einem leuchtend-hellroten Kreis in der linken obereren Ecke. Violetta rannte zur Fensterfront und presste ihre Hände und ihre Stirn gegen das Glas (es war heiß!), um besser sehen zu können. Der rote Kreis war nicht wirklich ein Kreis, eher eine ungleichmäßige farbige Fläche in der kühlen Durchsichtigkeit des Pools, wie die Schlieren, die ein Teebeutel hinterlässt, wenn man ihn in ein Glas mit heißem Wasser taucht. Fast perfekt in der Mitte dieser seltsamen Farbexplosion trieb der Körper eines Mannes, mit dem Gesicht nach unten, bekleidet mit einer Badehose. Es war Mr Gatsby. Er war tot.“

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. sanne1978 sagt:

    Das klingt nach einem tollen „Spielzeug“. Ich bin ein wenig neidisch. :)
    Viel Spass damit.
    Viele Grüße
    sanne

  2. Annie sagt:

    Danke, Sanne! Ich kann’s auch wirklich nur empfehlen – ist ein wunderbarer Zeitvertreib! Hab gerade mal geschaut: Gibt’s sogar anscheinend auch auf Amazon ;)

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