Synästhesie

Marrakech_Gewürze

Manche Orte sind so intensiv, dass sie unsere Sinne nahezu überfordern. Die Medina von Marrakesch ist so ein Ort. Ihre trockene Hitze brennt lichterloh auf der Haut, wenn die Mittagssonne unerbittlich und senkrecht in die Gassen fällt. Wie Tautropfen, die ein Verdurstender von Grashalmen leckt, schmeckt dagegen die schattige Kühle in den Innenhöfen der Riads. Es riecht nach Abgasen, nach Gewürzen und Fäkalien, nach Orangenblüten und heißen Steinen, nach Amber, Verwesung und Rauch. Über den Gassen liegt ein permanenter Klangteppich, gewebt aus Stimmen, Motorengeräuschen und den Gebetsrufen des Muezzin. Dass der ständige Geräuschpegel das Herz unwillkürlich schneller schlagen lässt, wird einem erst in der fast unwirklichen Stille des Jardin Majorelle bewusst. Die Stadt schmeckt nach klebrigem Zuckersirup, parfümgleichem Rosenwasser, würzigem Kreuzkümmel, brennender Chili und Paprika und überreifen, süßen Zitronen. Mit jedem Wimpernschlag entstehen neue Bilder auf der Netzhaut: Farben, so satt und intensiv, dass sie sich förmlich einbrennen, scheinbar undurchdringbare Mauern aus rohem, sandigem Stein, filigrane Schnitzereien in fast schon frivol anmutender Anzahl, das geordnete Chaos bunter Fliesenmosaike, überbordende Marktstände, zartblättrige Orangenbäume und Menschen, Menschen, Menschen.

Wer sich in der Medina verirrt, wird in einen Strudel der Synapsenüberforderung gezogen, dem er nicht Einhalt gebieten kann. Gleichsam dem sinnlosen Ankämpfen gegen eine Meeresströmung ist die einzig sinnvolle Handlung, sich so lange treiben zu lassen, bis man von selbst wieder an den Strand (im Falle von Marrakesch den Djeema el Fna) gespült wird. Und während man so treibt merkt man, wie die eigenen Sinne beginnen sich zu überlagern. Wie ein Synästhesist schmeckt man auf einmal die rauchige Hitze, riecht das intensive Ocker der Mauern und spürt die Enge der Gassen auf der Haut. Marrakesch ist ein Ort, der einen an seine Grenzen bringen kann. Wer schon einmal da war, weiß das. Und auch, dass man sich selten so lebendig gefühlt hat wie hier.

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