DXB – CMB

DXB - CMB

Es ist 4 Uhr morgens. Oder 7 Uhr. Oder halb 9, was weiß ich. Mein Handy hat sich nicht automatisch umgestellt und außerdem befinde ich mich wahrscheinlich gerade eh mitten im Übergang zwischen zwei Zeitzonen, örtlich gesehen mehrere tausend Meter irgendwo über dem indischen Festland. Schräg vor mir sitzt ein Typ, der aussieht wie Russel Crowe in seinen besten Jahren. Grundsätzlich also nett anzuschauen, das kann ich selbst in meinem total übermüdeten Zustand würdigen. Irritierenderweise trägt er aber eine enge, rote Frottee-Jogginghose, was ihm seinen „Gladiator“-Zauber leider direkt wieder ein bisschen nimmt. Russel scheint sich bezüglich der Uhrzeit aber auch nicht so ganz sicher zu sein. Jedenfalls bestellt er zum Frühstück ein Bier. Als wäre es das Natürlichste der Welt, zieht die Dose Heineken in einem einzigen langen Zug weg und beißt dann in sein Croissant. Respekt! Ich betrachte meinen Kaffee, der schwarz wie Teer bei jeder Bewegung des Flugzeugs an den Rand meiner Tasse schwappt und bestelle mir zur Sicherheit gleich noch einen zweiten. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Kaffee bei meiner morgen startenden Ayurveda-Kur nicht ganz oben auf der Liste der erlaubten Getränke stehen wird.

Trotz der doppelten Dosis Koffein schlafe ich nach dem Frühstück sofort ein und wache erst wieder auf, als wir uns schon im Landeanflug auf Colombo befinden. In der Schlange vor den Immigrations-Schaltern steht Russel Crowe auf einmal wieder neben mir und spricht mich erst in holprigem Englisch, dann erleichtert auf Deutsch an und bietet mir eine Mitfahrgelegenheit in einen Küstenort im Süden an – falls ich auch in die Richtung müsse. Zugegebenermaßen habe ich keine Ahnung, ob das grundsätzlich meine Richtung wäre, aber da ich sowieso den Abholservice meines sündhaft teuren Hotels nutze, lehne ich dankend ab. Wir plaudern noch ein bisschen und bangen am Gepäckband, ob auch unsere Rucksäcke den Umstieg in Dubai geschafft haben – man weiß ja nie. Meiner zumindest hat es geschafft. Nach einer gefühlten Ewigkeit erscheint er auf dem Band und ich schultere das Monster, dessen Gewicht ich intelligenterweise selbst nach oben getrieben habe, indem ich sechs Bücher und zwei Hanteln hineingepackt habe (ich habe panische Angst vor Langeweile und außerdem grade wieder total motiviert mit einem fiesen Zirkeltraining angefangen, das ich jetzt nicht nur aufgrund des Urlaubes unterbrechen will – kein Kommentar, bitte!). Da ich meinen Fahrer nicht unnötig lange warten lassen will, verabschiede ich mich von Russel noch bevor ich weiß, wie die Geschichte mit seinem Gepäckstück ausgeht und mache mich auf den Weg in die Ankunftshalle. Als ich noch einmal zurückblicke, steht er noch da, Russel mit der roten Hose, und winkt fröhlich.

Vor dem Flughafen schlägt mir eine feuchte Hitze entgegen und ein ganz spezieller Geruch liegt in der Luft, der mich sofort wieder an meine Indienreise vor ein paar Jahren erinnert. Mein Fahrer hat mich höflich in Empfang genommen und bedeutet mir nun, hier kurz auf ihn zu warten, er müsse eben das Auto holen. Ich stehe also vor dem Gebäude (Terminal wäre irgendwie zu viel gesagt) und betrachte die Szenerie um mich herum. Für einen Hauptstadt-Flughafen wirkt alles irgendwie ganz winzig klein und beschaulich – und vor allem überhaupt nicht laut oder hektisch. Obwohl da eine blonde Frau offensichtlich ganz alleine steht, stürmen nicht hunderttausend Leute wild gestikulierend auf mich zu und wollen mir ein Taxi oder eine Tour oder was ganz anderes anbieten. Einer fragt ganz höflich, ob er mich irgendwo hinfahren könne und als ich ihm sage, dass ich schon abgeholt werde, nickt er, lächelt freundlich und geht wieder.

Während der Fahrt fällt mir auf, dass ich noch nie so wenig wie diesmal über ein Land wusste, das ich bereise. Mein noch kurzfristig online bestellter Reiseführer hat es nicht mehr rechtzeitig vor dem Abflug in meinen Briefkasten geschafft (wahrscheinlich liegt er heute darin) und da ich wegen der Ayurveda-Kur erstmals komplett an einem Ort bleiben und nicht rumreisen werde, hatte ich es nicht für zwingend notwendig gehalten, mich vorher groß über Land und Leute zu informieren. Ich komme mir unglaublich ignorant vor. Andererseits: Mein Nicht-Vorbereitetsein beschert mir direkt in der ersten Stunde einen Aha-Moment nach dem anderen. Ach, hier zahlt man auch mit Rupien? Und stimmt, hier ist ja Linksverkehr. Guck mal, da wird Reis angebaut! Vielleicht ist es manchmal gut, wenn man nicht alles vorher genau weiß, schenkt einem die Unwissenheit doch die Freiheit, alles wie zum ersten Mal zu betrachten. Aber dennoch: Morgen werde ich in der Bibliothek meines Hotels ein paar grundlegende Dinge nachlesen. So geht das nicht!

Im Hotel angekommen werde ich mit einer violetten Lotusblume begrüßt. „Your travel ends and your journey begins“ steht auf einem Schild über der Rezeption. Ich bin gespannt.

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