Schöne schwarz-weiße Welt

Eine der größten Herausforderungen vor denen wir jeden Tag stehen ist, wie wir mit negativen Gedanken und Gefühlen umgehen. Techniken aus Achtsamkeit oder Yoga können uns dabei helfen, dass uns schwierige Situationen nicht in einen endlos dunklen Strudel hinabziehen. Wenn wir sie denn anwenden.

In der Regel versuchen wir lieber, negativen Gefühlen systematisch aus dem Weg zu gehen. Wir lenken uns ab, betäuben uns mit Arbeit, Essen und Konsum oder verleugnen das, was da in uns vorgeht, schlichtweg. Und in all dem sind wir ziemlich gut! Unser aller Ziel, so scheint es, ist ein Leben, in dem immer nur die Sonne scheint.

Was die Frage aufwirft: Wären wir also glücklicher, wenn wir ausschließlich glücklich wären?

Durch Zufall ist mir kürzlich Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ in die Hände gefallen und ich habe mich daran erinnert, dass ich das Buch schon ewig lesen wollte. Schon nach wenigen Seiten war ich völlig fasziniert davon, wie konträr die Geschichte zu den yogischen Lehren ist, mit denen ich mich sonst beschäftigte, und wie visionär Huxley unsere heutige auf Selbstoptimierung ausgerichtete Welt vorausgesehen hat.

Kurz gesagt beschreibt Huxley in seinem Buch eine zukünftige Gesellschaft, die so konstruiert ist, dass sichergestellt ist, dass jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt immer glücklich ist. Babys entstehen nur noch im Reagenzglas und werden ab der ersten Zellteilung körperlich und seelisch auf genau die Rolle konditioniert, die sie später innerhalb der Gesellschaft einnehmen sollen, was dazu führt, dass sie diese Rolle nie hinterfragen oder unzufrieden darin sind. Durch das systematische Eliminieren von persönlichen Bindungen wie Eltern-Kind-Beziehungen oder Partnerschaften, entfallen schmerzhafte Gefühle, die durch Ablehnung, Trennung oder Verlust entstehen können. Jedes Bedürfnis nach sexueller Befriedigung wird durch staatlich geförderte Promiskuität so unkompliziert wie möglich erfüllt. Es gibt im Prinzip keinen Grund mehr, nicht völlig zufrieden zu sein. Und wenn wider Erwarten doch einmal latent unangenehme Gefühle aufkommen, dann gibt es immer noch Soma, eine staatlich sanktionierte Wohlfühldroge, mit der man sich Gramm für Gramm in einen angenehmeren Zustand weglullen lassen kann.

Obwohl in Brave New World alle Menschen augenscheinlich glücklich sind, ist es eines der deprimierendsten Bücher, das ich je gelesen habe. Die von Huxley porträtierte Gesellschaft ist derart seelenlos und unnatürlich, dass ihre Betrachtung schmerzt. Die Bewohner dieser scheinbar idealen Welt wirken nur noch wie blasse Abziehbilder von echten Menschen.

Die Reduktionen eines Lebens auf ausschließlich Positives, so macht der Roman deutlich, killt den göttlichen Funken in uns, nimmt uns das, was uns als Menschen besonders macht. Das Verneinen von Schmerz, Trauer, Abneigung oder Zweifeln reduziert uns und unsere Welt auf eine zweidimensionale Flachheit. Wenn Glücklichsein zur Selbstverständlichkeit wird, verliert es seinen Wert. Ohne die Abgrenzung zum Negativen, verliert es seinen Bezugspunkt. Wenn es nichts Schlechtes gibt, woher weiß man dann, was gut ist?

Wenn Gut und Böse zusammen ein Muster bilden

In direktem Kontrast dazu steht die balinesische Weltanschauung, die sich im Sommer jeden Tag vor meinen Augen entfaltet hat. Auf Bali ist jedem deutlich bewusst, dass der immerwährende Ringkampf zwischen Gut und Böse nie ein Ende hat. Und folglich wird dem Negativen balinesischen Alltag ebenso Ehre dargeboten, wie dem Positiven. Es wird nicht bewundert und gefeiert, aber es wird als Gegenpol des Guten akzeptiert und ihm wird ebenfalls Raum gegeben. Von dieser Dualität zeugen beispielsweise liebevoll hergerichtete Opfergaben auch für „böse“ Geister oder kunstvollen Statuen von Dämonen.

Ganz besonders offensichtlich ist dieses Miteinander in den weiß-schwarz karierten Tüchern, mit denen heilige Figuren und Orte geschmückt werden. Sie verdeutlichen: Die Welt besteht aus Schönem und weniger Schönen, und gemeinsam formen diese beiden Gegensätze ein Muster.

Der balinesische Hinduismus ist davon überzeugt, dass die Welt so wunderbar ist, wie sie ist, eben WEIL sie aus Gegensätzen besteht. Die Menschen schauen hier nicht weg – für sie ist das Dunkle ein selbstverständlicher Teil dieser Welt und indem sie es akzeptieren, nehmen sie ihm ein Stück seiner Macht.

Was uns der Blutausch der indischen Göttin Kali lehrt

Auch im indischen Hinduismus gibt es unzählige Geschichten, die diesen Dualismus betrachten. Eine meiner liebsten ist die Geschichte eines großen Kampfes zwischen Göttern und Dämonen, der zunächst für die Götter völlig aussichtslos erscheint. Die Dämonen haben durch einen Trick nämlich eine sie unbesiegbar machende Fähigkeit erlangt: Aus jedem ihrer Blutstropfen, der auf die Erde fällt, entsteht ein neuer Dämon. Egal also wie sehr die Schwerter der Götter unter ihnen wüten, egal wie sehr die Götter sie bekämpfen – die Dämonen werden nur noch stärker.

Als die Götter sich fast komplett überwältigt von den Dämonen fühlen, hat die Göttin Durga eine Idee. Sie verwandelt sich in die furchterregende Göttin Kali und stürmt auf das Schlachtfeld. Mit jedem Schwertschlag, den Kali austeilt, streckt sie gleichzeitig ihre lange, rote Zunge aus und fängt das Blut der Dämonen auf. Ihr Schwert schlägt Schneisen durch die Armeen der Dämonen, Kopf um Kopf rollt und Kali trinkt sich in einen wahren Blutrausch – so lange, bis auch der letzte Dämon besiegt ist.

So schaurig die Geschichte auf den ersten Blick auch klingt, so ist sie doch positiv, denn sie beeinhaltet eine wichtige Lehre. Wenn wir mit unseren inneren Dämonen ringen, dann hilft es oft nicht, wenn wir sie ausschließlich durch unseren Verstand bekämpfen wollen. Wir begeben uns wie die Götter in einen aussichtslosen Kampf und indem wir versuchen, unsere negativen Gefühle „wegzudenken“, machen wir sie im Gegenteil nur noch machtvoller. Jeder rationale Schwertschlag, den wir austeilen, stärkt sie letztlich nur. Und wie die Götter können auch wir dieses Spiel recht lange fortsetzen, so sehr sind wir davon überzeugt, dass diese Art der Kriegsführung doch irgendwann zum Erfolg führen muss.

Kali hingegen repräsentiert unsere Fähigkeit, negative Emotionen nicht zu verleugnen und gegen sie anzukämpfen, sondern sie anzunehmen (in der Geschichte: sie sprichwörtlich in sich aufzunehmen). Und diese neue Art, mit ihnen umzugehen, ändert alles.

Abstand erzeugen

Sowohl die Achtsamkeitspsychologie als auch die Yogaphilosophie sagen, dass das wertfreie Betrachten eines negativen Gefühls einen Abstand zwischen uns und dem Gefühl erzeugt. Dieser Abstand ermöglicht es uns, mit dem Gefühl umzugehen und trotz des Gefühls handlungsunfähig zu bleiben.

Oft fühlen wir uns unseren Gefühlen komplett ausgeliefert und es kommt uns vor, als hätten wir keine Wahl. Ein Beispiel: Ein Mann hat über viele Jahre eine Angst davor entwickelt, in den Keller seines Hauses zu gehen. Jedes Mal, wenn er vor der Kellertreppe steht, überkommt ihn die gleiche (wie er sich sagt doch eigentlich völlig unbegründete!) Angst und er kehrt der Treppe den Rücken. Er kann diese Treppe nicht hinuntergehen, sagt er sich – weil er Angst hat! Das negative Gefühl der Angst hat ihn so fest im Griff, dass es ihn handlungsunfähig macht. Ggleichzeitig kommt er sich albern vor, weil er es nicht schafft, seine irrationale Angst zu überwinden.

Um einen Abstand zwischen uns und unseren Gefühlen zu erzeugen, müssen wir sie zunächst einmal bewusst wahrnehmen und betrachten (uns sagen: „Ja, ich habe Angst“), ihnen die „Erlaubnis“ geben, zu existieren („Ja, ich habe Angst – und das ist jetzt gerade einfach so!“) und sie akzeptieren („Ja, ich habe jetzt gerade Angst – und das ist ok!“).

Und wenn wir auf diese Art und Weise etwas Raum zwischen uns und unsere Emotionen gebracht haben, kommen wir vielleicht auf diesen Gedanken:

Man kann eine Treppe auch mit Angst heruntergehen.

Und plötzlich eröffnet sich eine ganze neue Welt…

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Super toll. Das sollte jeder mal lesen und sich selbst einmal hinterfragen

    1. Annie sagt:

      Danke dir! Freut mich zu hören, dass dich der Text angesprochen hat! Liebe Grüße, Annie

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