Affenzirkus

Ich befinde mich in einem Zustand zwischen Schwere und Leichtigkeit. Meine Körperrückseite verbindet sich mit der Erde, meine Vorderseite öffnet sich dem Universum. Sagt zumindest die Stimme, die zu mir spricht, während ich in Savansa, der reglosen „Totenhaltung“, auf meiner Yogamatte liege. Die Stimme gehört meiner Yogalehrerin und wie immer fordert es mir alles an Konzentration ab, in dieser Asana (so nennt man die verschiedenen Positionen im Yoga) nicht im Gewusel meiner Gedanken verloren zu gehen. Ein Gelehrter hat den Geist mal „The Monkey Mind“ getauft, weil die Gedanken wie kleine Äffchen von Ast zu Ast springen und nie still sitzen. Und oh ja, da hüpfen so einige Äffchen in meinem Kopf herum! Eins will nochmal im Detail das Meeting von gestern durchgehen, ein anderes überlegt, was ich später zu Hause kochen werde (inklusive Einkaufsliste) und ein ganz anderes kommt daher gehüpft und bringt Bilder von der Skifreizeit in der 10. Klasse mit (wo um Himmels Willen kommt das denn her?)… „Fokus, Annie!“, sage ich mir und konzentriere mich auf meine Atmung. Beim Yoga geht es darum, ganz im Moment zu verweilen, sich nur auf das zu konzentrieren, was da ist und nicht gedanklich in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu verweilen. Oft (wie beim Liegen in der Savasana-Position) gelingt mir das nur sehr unzureichend. Manchmal wiederum gelingt es mir erstaunlich gut. In der Regel allerdings eher dann, wenn ich’s nicht wirklich gut gebrauchen kann. 

In manchen Situationen scheine ich mich nämlich etwas zu wenig mit der Zukunft zu beschäftigen. Gestern zum Beispiel bin ich nach Porto geflogen mit ganzen 9,62 Euro im Portemonnaie, weil ich vergessen hatte, vor der Abreise zum Geldautomaten zu gehen. Ich war also minimal liquide und hatte keine Ahnung, wann ich dem nächsten Geldautomaten begegnen würde, der meine EC-Karte akzeptierte, denn meine Kreditkarte hatte ich ebenfalls vergessen aufzuladen. Im Flugzeug sitzend fiel mir dann auf, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich vom Flughafen zu dem Hotel kommen würde, in dem ich mich mit meiner Freundin treffen wollte, da ich die Adresse gar nicht kannte. Ich wusste nur, dass es irgendwie zentral lag, was mich insofern beruhigte, als dass ich, während die Dame neben mir den obligatorischen Tomatensaft bei der Stewardess bestellte, im Reiseführer nachlas, dass man mit der U-Bahn für im Rahmen meines begrenzten Budgets liegende 2,50 Euro vom Flughafen ins Zentrum fahren könne. Zudem gibt es – Gott und Apple sei Dank – ja Smartphones, mit denen man egal wo man sich gerade befindet, Adressen googlen und Stadtpläne anschauen kann. 

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob die unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechnologie meine Verpeiltheit sogar noch fördern, weil mein Unterbewusstsein gelernt hat, sich auf diese Retter in der Not zu verlassen, aber sei es drum: Ich war meinem schlauen Telefon wieder einmal unendlich dankbar, denn es brachte mich nicht nur heil ans Ziel, sondern führte mich und meine Freundin anschließend auch noch in ein wunderbares Portwein-Lokal. Wir tranken die portugiesische Form des Gin-Tonic, Tonic mit weißem Portwein, und stießen darauf an, dass ich es gegen alle Widerstände hierhin geschafft hatte. Ich ermahnte mich dennoch, beim nächsten Mal mit ein bisschen mehr Planung an meine Reisen heran zu gehen. Manchmal ist es nämlich doch ganz gut, sich gedanklich mit der Zukunft zu beschäftigen. Muss ja nicht gerade während Savasana sein.

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